Vorsicht vor reinem Tool-Fokus
Die Insights-Branche bewegt sich mit beeindruckender Geschwindigkeit Richtung Automatisierung – aber 2026 zeichnet sich als das Jahr ab, in dem sich ein entscheidender Schwerpunkt verschiebt: Weg vom Tool-Fokus, hin zur Qualitätsfrage.
Denn wenn AI überall ist, wird nicht mehr gefragt: „Können wir damit arbeiten?“
Sondern: „Wie stellen wir sicher, dass das Ergebnis stimmt?“
Ein Blick in den aktuellen Report „Market Research Trends 2026“ von Rival Group zeigt: Die Branche ist bereit für AI – und gleichzeitig mitten in einem Reifeprozess.
90% der Marktforschenden sind begeistert von AI-assisted Reporting, und über 46% erwarten steigende Budgets für AI-Tools.
Klingt nach Aufbruch. Und ist es auch.
Aber wie jeder Aufbruch bringt er eine neue Verantwortung mit.

AI-Reporting - das neue Normal?
Diese Frage ist praktisch erledigt. AI hilft heute bereits bei:
- Transkription & Zusammenfassung von Interviews
- Clusterbildung qualitativer Themen
- Pattern Recognition in großen Datenmengen
- Drafting von Berichten und Management-Summaries
Das spart Zeit. Und manchmal auch Nerven.
Rival beschreibt dabei sehr deutlich: AI wird nicht nur als Automatisierungsmaschine verstanden, sondern zunehmend auch als Strategie-Partner, der Teams hilft, schneller Hypothesen zu testen und mehr Perspektiven einzubinden. [Rival: Market Research Trends 2026]
Doch hier beginnt der interessante Teil:
Je mehr AI Reports schreibt, desto mehr wird Qualität zum Kernprodukt.
Herausforderung
Insights-Teams stehen damit vor einer neuen Art von Qualitätsprüfung, die sich nicht nur um Stichproben oder Signifikanz dreht, sondern auch um:
- Bias und Halluzinationen
- Datenherkunft und Transparenz
- Interpretationslogik
- Reproduzierbarkeit
- Kontextverlust durch zu starke Verdichtung
Plausible Antworten ohne echte Evidenz
AI ist brilliant darin, plausible Sätze zu produzieren. Und genau das ist die Falle.
Denn im Management-Kontext reicht es nicht, dass ein Insight „sich gut liest“.
Er muss belastbar sein – gerade, wenn er Entscheidungen triggert.
Ein praktisches Beispiel aus dem Alltag:
- AI erkennt ein Thema in offenen Antworten
- AI formuliert daraus einen „Key Insight“
- Der Insight wird in Slides übernommen
- Maßnahmen starten
Und dann stellt sich später heraus:
Das Thema war in Wahrheit überrepräsentiert, weil die Antworten aus einem bestimmten Segment kamen – oder weil die AI das Cluster zu breit definiert hat.
Früher nannte man das schlicht: Interpretationsfehler. Heute ist es: skalierter Interpretationsfehler.
Qualitätsdimensionen im AI-Zeitalter
- Transparenz: Kann ich erklären, wie der Insight entstanden ist?
- Auditierbarkeit: Kann ich das Ergebnis prüfen oder reproduzieren?
- Human-in-the-loop: Wo greift menschliche Expertise bewusst ein?
- Bias-Checks: Welche Verzerrungen sind systemisch möglich?
- Kontextschutz: Was darf nicht „wegautomatisiert“ werden?
Das klingt nach „Bürokratie“, ist aber in Wahrheit eine neue Form von Professionalität.
Denn Insights werden nicht weniger wichtig, nur weil sie schneller entstehen – sie werden im Gegenteil häufiger handlungsleitend. Und damit muss Qualität stabiler werden, nicht lockerer
Was Insight-Teams tun sollten
Nicht als 50-seitiges Policy-PDF, sondern als:
- klare Regeln
- klare Verantwortung
- klare Prüfschritte
Jeder AI-generierte Insight sollte sichtbar machen:
- Datenbasis
- Modell/Tool
- Interpretationsschritte
- Unsicherheiten/Grenzen
AI kann hervorragend:
- zusammenfassen
- clustern
- strukturieren
Aber wenn es um...
- kausale Aussagen
- strategische Ableitungen
- Markenwahrheit
- Handlungsprioritäten
.... geht, muss Human Expertise zwingend im Loop bleiben.
2026 ist nicht das Jahr, in dem Unternehmen mit den "besten AI-Tools“ gewinnen.
Es ist das Jahr, in dem diejenigen gewinnen, die AI kompetent operationalisieren.

